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Links und Rechts (Teil 1)
Von Dieter GRILLMAYER

Die im Titel genannten Begriffe werden in der politischen Diskussion ständig verwendet, aber nie definiert. Für jemanden wie mich, der in der Politik mehr auf den Sachverstand setzt als auf die emotionale Befindlichkeit, ist dieser Zustand besonders unbefriedigend. Denn wenn bei politischen Begriffen die Klarheit fehlt lässt sich prächtig damit polemisieren. Diesen Weg möchte ich allen Emotionalisierern und Polemisierern durch eine historisch-wissenschaftliche Abhandlung verbauen. Ich hole damit auch etwas nach, was bei meinem ersten (in der „Freien Meinung“, Folge 4/97, und in den „GENIUS-Lesestücken“, Folge 3/99, veröffentlichten) Aufsatz zu diesem Thema vernachlässigt worden ist.

Vorbemerkungen

Am 28. August 1789 kam es in der Französischen Nationalversammlung zu einem Streit über die Frage, ob der König ein Vetorecht gegen Parlamentsbeschlüsse haben solle oder nicht, wobei die Befürworter des königlichen Vetos die (vom Präsidenten aus gesehen) rechte Seite des Sitzungssaales besetzt hielten, sodass ihre Gegner, unter denen die Jakobiner die radikalsten waren, auf der linken Seite Platz nehmen mussten.

Seither stehen die Begriffe „rechts“ und „links“ für eine restriktive bzw. eine radikale Einstellung zu politischen Veränderungen. Dazu kommen, je nach persönlicher Vorliebe und wo der Zeitgeist gerade hinweht, moralisch wertende Interpretationen, wie etwa, dass „rechts“ mit rechtlich und rechtens, „links“ mit fälschlich oder Falschheit zu tun habe, oder umgekehrt, dass „links“ für edel und klug, „rechts“ für böse und dumm steht.

Eine dermaßen wertende Beurteilung versuche ich im Folgenden zu vermeiden. Nach meinem Dafürhalten können stellvertretend für „rechts“ und „links“ die gleichermaßen positiv besetzten Begriffe „Natur“ und „Erfahrung“ auf der rechten bzw. „Kultur“ und „Hoffnung“ auf der linken Seite stehen, wie zu erläutern sein wird. Und – im negativen Bereich - ist die von Linksdenkern ausgehende Gefahr mindestens ebenso groß wie eine stramm „rechte“ Ideologie, was durch zahlreiche historische Beispiele, beginnend mit Jean-Jacques Rousseau und der Französischen Revolution, belegt werden kann.

Jean-Jacques Rousseau, ein „linker“ Aufklärer

Die Forderung „Zurück zur Natur“ ist das Einzige, was dem Bildungsbürger üblicherweise vom Schulunterricht her über den französisch-schweizerischen Schriftsteller und Philosophen Jean-Jacques Rousseau (1712 - 1778) haften geblieben ist. Bei genauerem Hinsehen stellt sich jedoch heraus, dass Rousseau gerade mit der Natur seine Probleme hatte, in seiner persönlichen Lebensgestaltung ebenso wie mit seinen (mehrmals geänderten) Ansichten darüber, was ganz allgemein dem Menschen zuträglich sei und was ihm schade.

Rousseau verbrachte als Sohn eines von Hugenotten abstammenden Uhrmachers und einer Calvinistin in Genf eine unglückliche Kindheit, floh 1728 nach Annecy, wo er unter dem Einfluss einer Madame de Warens zum Katholizismus konvertierte und Musik studierte. 1741 kam er nach Paris, wo er für das Vorhaben der „Encyclopédie“ (Diderot) musiktheoretische Beiträge verfasste. Mit seiner Lebensgefährtin Therese le Vasseur, die er erst 1768 heiratete, hatte er fünf Kinder, die er allesamt im Findelhaus unterbrachte. 1750 wird er über Nacht durch eine Schrift berühmt, in der er die Preisfrage der Akademie von Dijon, ob der Fortschritt der Kultur den Menschen gebessert hat, verneint und einen glücklichen, naturhaften Urzustand der Menschheit konstruiert. 1754 fordert er in einer weiteren, durchwegs negativ beurteilten Schrift die durch die „Vergesellschaftung der Menschheit“ zerstörte „natürliche Rechtsgleichheit aller“ wiederherzustellen.

In der Folge kehrt Rousseau zum Calvinismus zurück, überwirft sich mit allen Freunden und stürzt sich damit in finanzielles Elend. In diese Zeit (1761/62) fallen seine drei Hauptwerke: Der Briefroman „Julie ou La Nouvelle Héloise“ mit grandiosen Schilderungen von Schweizer Landschaften, die erzählerisch angelegte pädagogische Schrift „Émile ou de l’ éducation“, die in der Kindererziehung des Grundsatz des „laissez-faire“ vertritt, und der „contrat social“, in dem nicht mehr der freie Naturmensch, sondern der mündige Bürger steht, der durch willentliche Abtretung seiner Freiheit an einen Kollektivwillen („volonté générale“) den idealen Staat schafft. Damit gerät Rousseau in scharfen Gegensatz zur Staatsmacht und zur Kirche und muss ins Ausland fliehen (Preussen, England), kann aber 1770 nach Paris zurückkehren. In seinen von Pessimismus geprägten Spätschriften übersteigt Rousseau literarisch das Lebensgefühl der Aufklärung und antizipiert das der Romantik.

In unserem Zusammenhang ist von Belang, dass Rousseaus Theorien zwar rational nachvollziehbar sind, aber an der Realität scheitern, also offenbar der „Natur des Menschen“ zuwiderlaufen, und das hat schlimme Folgen. „Früher oder später, aber gewiss immer, wird sich die Natur an allem Tun rächen, das wider sie ist“ wusste schon Johann Heinrich Pestalozzi (1746 - 1827), auf den wir im Zusammenhang mit Rousseaus Erziehungstheorien noch einmal zurückkommen.

Rousseaus Menschenbild steht im Widerspruch zu dem bis dahin unbestrittenen Wort von Blaise Pascal (1623 - 1682), der Mensch sei „ni ange ni bete“, also von Natur her weder gut noch schlecht. Pascal verbalisiert damit schlagwortartig die christliche Anschauung von einer dem Menschen angeborenen Unvollkommenheit („Erbsünde“) und Begrenztheit, von der er sich auch nicht befreien kann. Der für einen Aufklärer vergleichsweise gläubige Rousseau bricht mit dieser Tradition. Er leugnet zwar die menschliche Unvollkommenheit nicht, aber er behauptet, sie sei nicht angeboren, sondern sozial bedingt, also erworben durch „falsche“ gesellschaftliche Verhältnisse, eine „falsche“ Erziehung, ein „falsches“ Bewusstsein. Daher könne der Mensch durch die „richtige“ Politik wieder das werden, was er eigentlich von Natur aus ist: ein vollkommenes Wesen.

Maximilien de Robespierre, die „blutige Hand Rousseaus“

Die Jakobiner waren eine politische Sekte, die sich im vorrevolutionären Paris im ehemaligen Dominikanerkloster St. Jakob zu versammeln pflegte. Führender politischer Kopf dieser Sekte war der Rechtsanwalt Maximilien de Robespierre (1758 - 1794), ein begeisterter Anhänger von Rousseaus Gesellschaftsphilosophie. Deren Umsetzung in praktische Politik verdankt Robespierre die von Heinrich Heine (1797 - 1856) stammende, oben genannte Beifügung.

Die Jakobiner waren davon überzeugt, auf der Grundlage von Rousseaus Menschenbild und „contrat social“ die „richtige“ Politik zu machen und eine „öffentliche Tugend“ mit brutalem Terror erzwingen zu dürfen. Georg Büchner (1813 - 1837) lässt in „Dantons Tod“ Robespierre sagen: „Die soziale Revolution ist noch nicht fertig; wer eine Revolution zur Hälfte vollendet, gräbt sich selbst sein Grab. Das Laster muss bestraft werden, die Tugend muss durch den Schrecken herrschen.“ Und auf Dantons Widerspruch fragt er ihn. „Du leugnest die Tugend?“ Danton antwortet: „Und das Laster. Es gibt nur Epikureer, und zwar grobe und feine, Christus war der feinste; das ist der einzige Unterschied, den ich bei den Menschen herausbringen kann. Jeder handelt seiner Natur gemäß, das heißt, er tut, was ihm wohltut.“

Man beachte, wie Büchner hier den Unterschied zwischen dem „linken“ Kunstmenschen Robespierre und dem „rechten“ Naturburschen Danton deutlich macht (und wem seine Sympathie gilt). „Die Triebfeder der in Revolution befindlichen Volksregierung ist zugleich die Tugend und der Terror“ heißt es bei Robespierre im Original - und der Jakobiner handelte danach. Aber der Traum vom „neuen“ Menschen, von der idealen Gesellschaft, von der Rückkehr in den Garten Eden ertrank in einem Meer von Blut ...

Karl Marx und die Folgen

Dieser ersten Erfahrung zum Trotz bleibt Rousseaus These - die Zerstörung des Glücks der Menschen und ihrer naturgegebenen Güte durch die Zivilisation - eine bestimmende Grundlage für linke Philosophie und Gesellschaftspolitik. Karl Marx (1818 - 1883), Notarssohn aus Trier, Jus- und Philosophiestudent, dann Redakteur der „Rheinischen Zeitung“, knüpft Rousseaus Faden weiter und macht den „kapitalistischen Prozess und den mit ihm verbundenen Klassenkampf“ für die Zerstörung des Guten in der menschlichen Natur verantwortlich.

Sein „Kapital“, geschrieben im Londoner Exil, wohin ihn neben politischer Kalamitäten auch exorbitante Spielschulden getrieben hatten, wird zur theoretischen Grundlage für Sozialismus und Kommunismus. Damit ist Marx nicht nur für die „realsozialistische“ Misswirtschaft und Verelendung, sondern letztlich auch für die Terrorherrschaft eines Lenin, eines Stalin und eines Mao Tse Tung mitverantwortlich. Allein dem Gewaltregime des Letztgenannten fielen (nach „Le livre noir du communisme“, Paris 1997) insgesamt 65 Millionen Menschen zum Opfer.

Andererseits zeigen die großen, aber zunehmend historischen Verdienste der Sozialdemokratie, dass eine auf dem Prinzip „Hoffnung“ aufbauende linke Veränderungspolitik durchaus etwas weiterbringen kann, aber nur dann, wenn sie ständig auf dem Prüfstand demokratischer Wahlentscheidungen steht.

Die Frankfurter Schule und die 68er-Bewegung

Die Frankfurter Schule bildet das geistige Fundament für den Aufbruch von 1968, der studentischen Bewegung der Neuen Linken, in der die heutigen Grün-Parteien verwurzelt sind - viel stärker jedenfalls als in der Ökologiebewegung, sodass allein schon die Farbe irreführend ist. Diese auch als Neomarxismus bezeichnete Denkrichtung entsprang einem Kreis von Sozial- und Kulturwissenschaftern, die eine von Karl Marx und Sigmund Freud (1856 - 1939) bestimmte Gesellschaftsanalyse betrieben. Der 1923 von F. Weil am Institut für Sozialforschung an der Universität Frankfurt/Main ins Leben gerufene Kreis wurde von 1924 bis 1930 von C. Grünberg und seit 1930 von M. Horkheimer geleitet. 1933/34 wurde er nach Genf und New York verlegt, von wo er 1950 mit Horkheimer und Th. W. Adorno nach Frankfurt zurückkehrte. Für die Zeit der 68er-Bewegung stehen vor allem die Namen von H. Marcuse und J. Habermas.

Der Neomarxismus verspricht in seiner „Kritischen Theorie“ die „Befreiung aus den stählernen Gehäusen der Hörigkeit des technologisch-bürokratischen Apparats und die Befreiung der Libido aus dem Geflecht religiöser, sittlicher und rechtlicher Normen, primär die Befreiung aus dem von den Kirchen etablierten Zwangsmonopol der Ehe auf Sexualität“. Er diskreditiert damit den Staat in seiner Ordnungsfunktion und die Familie als Keimzelle des Gesellschaftsgefüges. Ausfluss dieser Ideologie sind Parolen wie „Macht kaputt, was euch kaputtmacht“, aber auch Forderungen wie ein „Recht auf den eigenen Bauch“, womit erstmals seit 1945 die Schutzwürdigkeit menschlichen Lebens wieder in Frage gestellt wird.

So liefert auch die Frankfurter Schule den Beweis dafür, dass von linken Theorien ebenso eine Bedrohung für Leib und Leben ausgeht wie vom Rechtsfaschismus (siehe später). Nicht zu vergessen, dass auch der Terror der Bader-Meinhof-Bande und insbesondere die politischen Morde der Rote-Armee-Fraktion zwischen 1974 und 1978 auf dieses Konto gehen.

Die nicht (unmittelbar) lebensbedrohenden praktischen Folgewirkungen der von Rousseau über Marx bis Marcuse und Habermas vertretenen linken Theorien sind heute für alle, die sehen wollen, unübersehbar, und eine erschöpfende Schilderung würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Pauschal kann gesagt werden, dass der Neomarxismus und die 68er-Bewegung zwar im ökonomischen Bereich gescheitert sind, hinsichtlich der in Gang gesetzten Kulturrevolution aber sehr erfolgreich waren. Im Bereich der Sexualität ist nahezu jedes Tabu gebrochen, lediglich bei der Pädophilie - ursprünglich ebenfalls im „Programm“ - gab es einen Rückzieher; der Feminismus hat sich zum Selbstzweck emanzipiert, statt sich in eine wertschätzende Partnerschaft einzubringen, mit Familienzerstörung, Scheidungsrekord und Geburtenrückgang im Gefolge, und auf dem Kunst- und Bildungssektor ist nahezu kein Stein auf dem anderen geblieben. Ergebnis dieser Entwicklung sind Sinnkrise, Orientierungslosigkeit und die (von Materialisten und Wachstumsfetischisten geförderte) Flucht in die Konsum- und Spaßgesellschaft.

Zur Revolution im Kunstverständnis sprach der international arrivierte, im allgemeinen eher zurückhaltende Dramaturg und Filmemacher Jürgen Syberberg von einer „Umweltverschmutzung der Seele“ (1990) und präzisierte diese Aussage wie folgt: „Das auffälligste Kriterium der heutigen Kunst ist die Bevorzugung des Kleinen, Niedrigen, der Verkrüppelung, des Kranken, des Schmutzes vor dem Glanz. ... Das Gemeine als Gegenwelt des klassischen Ideals besiegt die nackte Schönheit. Die Zote wird zur Politik der Ästhetik. Das Hässlichkeitsgebot beherrscht Leben wie Kunst, und die Ratte wird zum Symbol des Interessanten, wie das Schwein.“

Die Bildungsdiskussion ist seit mehr als 30 Jahren von den Schlagwörtern „Reformpädagogik“ und „antiautoritäte“ oder auch „emanzipatorische“ Erziehung gekennzeichnet, was die Schule als Bildungsinstitution abgewertet hat und die Kinder zunehmend schädigt. An der Universität Bremen wurde 1968 die Parole ausgegeben: „Emanzipatorische Erziehung ist kein pädagogischer Grundbegriff, sondern Theorie und Praxis des politischen Kampfes.“ In der Theorie konnte man sich hier direkt auf Rousseau und seine freie, wachsenlassende Erziehung berufen. Aber bereits Pestalozzi, in jungen Jahren ein glühender Anhänger Rousseaus, wandte sich aus Erfahrung von seinem vormaligen Idol ab, wenn er schreibt: „Freiheit ist ein Gut und Gehorsam ebenfalls. Wir müssen verbinden, was Rousseau getrennt hat. Überzeugt von einer unweisen Hemmung, die die Geschlechter der Menschen erniederte, fand er keine Grenze der Freiheit.“ Und Immanuel Kant (1724 - 1804) stellt in seiner Schrift „Über Pädagogik“ im Gegensatz zu Rousseau fest: „Der Mensch ist das einzige Geschöpf, das erzogen werden muss. Unter der Erziehung nämlich verstehen wir die Wartung (Verpflegung, Unterhaltung), Disziplin (Zucht) und Unterweisung nebst der Bildung.“ Und etwas später heißt es: „Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung.“

Edmund Burke und das „rechte“ Menschenbild

Zur Zeit der Französischen Revolution saß im Londoner Unterhaus ein Abgeordneter der Whigs, also der heutigen Liberalen, der als vehementer Kritiker des Jakobinertums auftrat. Der in Dublin geborene Edmund Burke (1729 - 1797) betont unter Verweis auf die kontinuierliche Entwicklung des englischen Verfassungslebens die Vorzüge evolutionärer Entwicklungen gegenüber von revolutionären Veränderungen. In seinem 1790 erschienenen Buch „Reflections on the revolution in France“ schreibt er, es handle sich dort um eine „Revolution der Doktrin, des theoretischen Dogmas“, und diese auf eine „falsche Philosophie“ gestützte Revolution laufe auf einen „Krieg gegen die Natur“ (des Menschen) hinaus.

Sein Menschenbild beschreibt Burke 1791 in einem „Brief an ein Mitglied der Nationalversammlung in Paris“, worin es wörtlich heißt: „Die Menschen sind für die politische Freiheit befähigt im genauen Verhältnis zu ihrer Bereitschaft, ihren Begierden moralische Ketten anzulegen; im Verhältnis, wie ihre Liebe zur Gerechtigkeit ihre Raubsucht übersteigt; im Verhältnis, wie die Richtigkeit und Nüchternheit ihres Urteils höher als ihre Eitelkeit und Anmaßung ist; im Verhältnis, wie sie eher geneigt sind, den Ratschlägen der Weisen und Guten, als den Schmeicheleien von Schelmen zu folgen. Die Gesellschaft kann nicht bestehen, ohne dass eine einschränkende Macht über den Willen und die Begierden irgendwo eingerichtet wäre, und je weniger von dieser Macht im Inneren (des Menschen) ist, desto mehr muss von ihr im Äußeren vorhanden sein. Es ist in der ewigen Verfassung der Dinge angelegt, dass Menschen mit ungezügeltem Geist nicht frei sein können. Die Leidenschaften schmieden ihre Fesseln.“

(Wird fortgesetzt)


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