Allversoehnung

Zum Problem der Allversöhnung

(in Arbeit befindliches Manuskript)

 

"Denn nur einen Augenblick währet sein Zorn, Doch lebenslang seine Huld ..."

Psalm 30, 6 (Übersetzung von Ludwig Albrecht)

"Wendet euch zu mir und laßt euch retten, alle ihr Enden der Erde! denn ich bin Gott und keiner sonst! Bei mir selbst habe ich geschworen, hervorgegangen ist aus meinem Munde Wahrheit, und ein Wort, das unverbrüchlich ist: Vor mir soll jedes Knie sich beugen, mir jede Zunge schwören (huldigen). ‘In Jahwe allein’ - so wird man bekennen - ‘habe ich volle Gerechtigkeit (oder: Heil) und Stärke’; zu ihm werden kommen und sich dabei schämen alle, die ihm feindselig widerstrebt haben."

Jesaja 45, 22 - 24

"Denn nicht auf ewig verstößt der Herr, sondern, wenn er Trübsal verhängt hat, erbarmt er sich auch wieder nach seiner großen Güte; denn nicht aus Lust plagt und betrübt er die Menschenkinder."

Klagelieder 3, 31 - 32

"... denn ich wußte wohl, daß du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langsam zum Zorn und reich an Güte und geneigt, dich das Übel gereuen zu lassen. ... Und mir sollte die große Stadt Ninive nicht leid tun, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen leben, die zwischen rechts und links nicht zu unterscheiden wissen, dazu auch eine Menge Tiere?"

Jona 4, 2 b, 11

 

"Gehet hinein durch das enge Tor! Den breit ist das Tor und weit der Weg, der ins Verderben führende, und viele sind die Hindurchgehenden durch es; wie eng ist das Tor und gedrängt der Weg, der ins Leben führende, und wenige sind die ihn Findenden!

Matthäus 7, 13 - 14

 

"Folglich nun kam es wie durch des einen Übertretung für alle Menschen zur Aburteilung, so auch durch des einen Gerechtsprechung für alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens; denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen als Sünder hingestellt wurden die Vielen, so werden auch durch den Gehorsam des einen als Gerechte hingestellt werden die Vielen."

Römer 5, 18-19

 

"Folglich nun, wen er will, dessen erbarmt er sich, wen er aber will, verhärtet er. Du wirst mir nun sagen: Was nun tadelt er noch? Denn wer hat sich seinem Wollen entgegengestellt? O Mensch, wer nun eigentlich bist du, der du entgegenredest Gott? Wird etwa sagen das Gebilde zu dem Bildenden: Was machtest du mich so? Oder hat nicht Vollmacht der Töpfer über den Lehm, aus dem gleichen Teig zu machen das eine Gerät zur Ehre, das andere zur Unehre? Wenn aber Gott, aufweisen wollend den Zorn und kundtun wollend seine Mächtigkeit, in vielem Großmut die Gefäße des Zorns ertragen hat, bereitet zum Verderben, und damit er kundtue den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen des Erbarmens, die er vorbereitete zur Herrlichkeit? Die auch rief er, uns, nicht nur aus Judaiern, sondern auch aus Heiden."

Römer 9, 18 - 24

 

"Denn zusammenschloß Gott alle in Ungehorsam, damit aller er sich erbarme. O Tiefe des Reichtums und der Weisheit und der Erkenntnis Gottes; wie unerforscht sind seine Gerichte und unausspürbar seine Wege. Denn wer erkannte den Sinn des Herrn? Oder wer wurde sein Ratgeber?"

Römer 11, 32 - 34

 

"Denn das Wort des Kreuzes ist denen, die zugrundegehen, Torheit, denen aber die gerettet werden, uns, Macht Gottes.. ... Denn da in der Weisheit Gottes nicht erkannte die Welt durch die Weisheit Gott, gefiel es Gott, durch die Torheit der Verkündigung zu retten die Glaubenden. ... ihnen aber, den Berufenen ..."

1. Korinther 1, 21 - 24

 

"Denn die Liebe des Christus hält zusammen uns, dies Urteilende, daß, einer für alle starb, folglich alle starben; und für alle starb er, damit die Lebenden nicht mehr sich selbst leben, sondern dem für sie Gestorbenen und erweckten."

2. Kor. 5, 14-15

 

"weil Gott war in Christos die Welt (Kosmos) mit sich versöhnend, nicht anrechnend ihnen ihre Übertretungen und legend in uns das Wort der Versöhnung."

2. Kor. 5, 19

 

"Denn es gefiel Gott, in ihm die ganze Fülle wohnen zu lassen (20) und durch ihn zu versöhnen alles auf ihn hin, Frieden machend durch das Blut seines Kreuzes, sei es auf der Erde, sei es in den Himmeln.

Kolosser 1, 19 - 20

 

"Dies ist recht und angenehm vor unserem Retter, Gott, der will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Denn einer ist Gott, einer auch Mittler Gottes und der Menschen, der Mensch Christos Jesus, der sich selbst gab als Lösegeld für alle."

1. Tim. 2, 3 - 6

 

"denn dazu mühen wir uns und kämpfen wir, weil wir gehofft haben auf den lebendigen Gott, der Retter ist aller Menschen (soter panton antropon), besonders der Gläubigen."

1. Tim. 4, 10

 

"Denn es erschien die Gnade Gottes, rettend für alle Menschen, ..."

Titus 2, 11

 

"den aber ein wenig unter Engel erniedrigten Jesus sehen wir wegen des Leidens des Todes mit Herrlichkeit und Ehre bekränzt, auf daß er durch Gnade Gottes für jeden koste den Tod."

Hebräer 2, 9

 

"Und wenn einer sündigt, einen Fürsprecher haben wir beim Vater, Jesus Christos, den Gerechten; und er ist Sühne für unsere Sünden, nicht für die unsrigen aber allein, sondern auch für die ganze Welt (holu tou kosmou)."

1. Joh. 2, 1 - 2

 

"Und der Rauch ihrer Qual steigt in Aionen der Aionen auf, und nicht haben Ruhe tags und nachts die Huldigenden dem Tier und seinem Bild, und wenn einer empfängt das Prägezeichen seines Namens."

Offenbarung 14, 11

 

"Den Feigen aber und Ungläubigen und Verabscheuungswürdigen und Mördern und Hurern und Zauberern und Götzendienern und allen Lügnern ist ihr Anteil im See, dem brennenden in Feuer und Schwefel, das ist der zweite Tod."

Offenbarung 21, 8

 

Das Problem der Allversöhnung gehört seit Jahrhunderten bis heute sowohl in der akademischen Theologie wie in den Kreisen der Gläubigen zu den kontrovers diskutierten eschatologischen Themen, da die Bibel hier, zumindest auf den ersten, aber auch auf den zweiten Blick, Aussagen bereithält, die auch bei sorgfältigster sprachwissenschaftlicher wie historisch-kritischer Auslegung sowohl einen doppelten Ausgang der Geschichte Gottes mit seinen Geschöpfen (Engel und Menschen) als auch eine Versöhnung Gottes mit dem All ("weil Gott war in Christos, den Kosmos mit sich versöhnend," 2. Kor. 5, 19) als das letzte, fernste Ziel der ewigen Weisheit bereithält, wie Hartmut Rosenau in seiner im Sommersemester 1991 vom Fachbereich Evangelische Theologie der Philipps-Universität Marburg angenommenen Habilitationsschrift "Allversöhnung. Ein transzendentaltheolgischer Versuch" eindringlich gezeigt hat. Insoweit sind beide Alternativen bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar, wenn die Bibel gemäß dem Lutherischen sola scriptura-Prinzip zum alleinigen Maßstab theologischer Aussagen gemacht wird. Wenn man einen Beitrag zur Diskussion des Allversöhnungsproblems leisten will, reicht es jedoch keineswegs aus, die einschlägigen Stellen pro und contra gegeneinander abzuwägen, vielmehr ist die Entfaltung einer systematischen Theologie im Allgemeinen und einer Eschatologie im Besonderen unverzichtbar; ebenso sind die Interpretationsgrundsätze und theologischen Leitlinien herauszuarbeiten, die erhellen können, in welchem Licht diese oder jene Schriftstelle gesehen wird. Dieses weitgesteckte Ziel kann an dieser Stelle nur in Ansätzen durchgeführt werden.

Die im folgenden angefügten Bibelzitate erfolgen, wenn nicht anders angegeben, was das AT betrifft, nach dem Text von Hermann Menge, 12. Auflage der Originalausgabe und bezüglich des NT nach dem "Münchener Neuen Testament", Patmos Verlag Düsseldorf 1988. Zum Vergleich wurde der griechische Grundtext nach der 24. Auflage von Nestle-Aland herangezogen sowie die Elberfelder Bibel, Brockhaus Verlag Wuppertal.

Es lohnt sich zum eigenen Selbstverständnis, die Bibelstellen, die für und gegen die Allversöhnungshypothese sprechen, in ihrem Zusammenhang zur Kenntnis zu nehmen, ihren sprachlichen und historischen Bedeutungsgehalt zu erwägen und die Rückwirkungen, die sich für Gottes- und Menschenverständnis ergeben, zu bedenken. Eingedenk des 2. Gebotes des Dekalogs Exodus 20, 4, das die Anfertigung von Gottesbildern und überhaupt Bilder untersagt, ist es problematisch, auch in einem weiteren Sinne von einem Gottesbild zu sprechen. Bei jedem "Bild", das wir uns, und sei es auch auf Grund von Aussagen der Heiligen Schrift, von Gott oder anderen Menschen oder Dingen machen, sollten wir immer die Mahnung des 2. Gebotes im Auge behalten, auch wenn dieses Gebot historisch auf die religiöse Verehrung von Götzenbildern hinzielt. Wie oft haben sich Menschen vom Gott der Bibel ein eigenwilliges, zumindest einseitiges Bild gemacht und ihren Gottesdienst danach ausgerichtet. Unser Anliegen ist es, das Gesamtzeugnis der Heiligen Schrift ernst zu nehmen und sperrige Stellen stehen zu lassen, auch wenn sie sich unserem Verständnis nicht oder kaum erschließen wollen.

Wir haben die Absicht, zunächst die Broschüre Willem J. Ouweneels "Ende gut - alle(s) gut? Gibt es eine Allversöhnung?" zu besprechen, die sich entschieden, um nicht zu sagen leidenschaftlich, gegen die Allversöhnungshypothese ausspricht.

Das Positive an der Argumentation Ouweneels ist, daß hier der Gerichtsernst Gottes in eindringlicher, letzter Schärfe herausgestellt wird. Wenn wir bedenken, wie die Menschheit in ihrer großen Mehrheit nicht nur nicht gottwohlgefällig lebt, sondern sich immer mehr selbst zu Tode bringt, sei es durch Kriege, sei es durch akute und schleichende Umweltzerstörung, sei es durch Egoismus als Wirtschafts- und Staatsdoktrin, und dann bei den meisten Kirchen und Religionsgemeinschaften erleben müssen, daß der Gerichtsernst Gottes nicht betont wird, dann kann man es verstehen, wenn eine christliche Religionsgemeinschaft (gemeint sind die "Darby-Brüder") sich aus einer Erweckungsbewegung heraus mit diesen Kirchen nicht gemein machen wollte, sondern die wahrhaft Gläubigen, Bekehrten zu sammeln versuchte, da sie es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren konnten, mit unbekehrten, unwiedergeborenen "Christen" das Heilige Abendmahl zu teilen. Wir sollten dankbar sein, daß hier Christen sehr im Unterschied zum allgemeinen ‘christlichen’ Zeitgeist den Mut haben, Gott nicht nur als "Liebe" im johanneischen Sinne zu sehen, sondern als einen Gott, der seinen ihn zum Bilde oder Gleichnis (vgl. Liebmann, 1961, S. 18) geschaffenen und gefallenen Geschöpfen zwar während ihres irdischen Lebens die Chance gibt, zu ihm zurückzukehren, aber auch ihre Entscheidung während der wenigen Lebensjahrzente gegen ihn so bitter ernst nimmt, gerade weil sie "Bildträger Gottes" sind und als solche eine Verantwortung in Zeit und Ewigkeit haben, die nach Ablauf der Gnadenzeit jedenfalls für gesunde Erwachsene nur noch Gericht gemäß Hebräer 9, 27 f. ("Und wie den Menschen auferlegt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht, so wird auch der Christos, einmal dargebracht, um hinwegzunehmen die Sünden vieler, zum zweiten Mal ohne Sünde erscheinen, den ihn Erwartenden zur Rettung.") ermöglicht.

Allerdings erlaubt selbst dieser Text eine so strenge Interpretation nicht, denn es ist damit nicht gesagt, daß das Gericht ausschließlich Strafe im Sinne von Rache und Genugtuung in Bezug auf die durch die Sünde verletzte Ehre Gottes darstellt. Strafe kann gemäß Hebräer 12, 5 - 8 im Unterschied zu der grundsätzlichen Auffassung Ouweneels, Strafen würden nie Besserung, sondern immer nur Trotz und Verhärtung bewirken, durchaus einen positiven Sinn haben, "denn wen der Herr liebt, erzieht er, er geißelt aber jeden Sohn, den er annimmt.", wie schon in Sprüche 3, 11 f. nachzulesen ist.

Das Problem der Allversöhnung ist außerordentlich vielschichtig. Zunächst stehen wir vor der Frage, ob wir überhaupt voraussetzen dürfen, daß die Bibel hier unterschiedliche Auffassungen ermöglicht. Wenn man wie der Autor der Auffassung ist, daß das Neue Testament sowohl die Allversöhnung als auch die äonischen Strafen, die möglicherweise nie enden (auch das ist rein textanalytisch eine Frage für sich), bezeugt, dann kann man der Auffassung sein, daß die Bibel nach schlichtem menschlichen Verständnis sehr wohl unterschiedliche Linien aufweist. Luther äußerte sogar: "Die Heilige Schrift ist voller Widersprüche; und es ist gewissermaßen eine fruchtbare Methode, die Schrift durch Widersprüche zu interpretieren und diese zu sehen" (Zitiert nach Flügel 1957, S. 11).

Weitere Fragen sind, wie viele Arten des Willens Gottes (man denke an Adolf Hellers Erwägungen zum geheimen und geoffenbarten Willen Gottes. Vgl. Heller: Vom geheimen und geoffenbarten Willen Gottes, Paulus Verlag Stuttgart, 2. Auflage ohne Jahr) zu unterscheiden sind, steht doch geschrieben (1. Tim. 2, 3-4): "Dies ist recht und angenehm vor unserem Retter, Gott, der will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen." Ouweneel S. 36 interpretiert diesen Willen als den "wünschenden Willen Gottes". Und 2. Petrus 3, 9 können wir lesen (nach der nichtrevidierten Elberfelder Übersetzung): "Gott ist langmütig gegen euch, da er nicht will, daß irgendwelche verlorengehen, sondern daß alle zur Buße kommen." Sollte dieser Wille Gottes sich durchsetzen wollen - denn wer hat sich seinem Wollen entgegengestellt? (Römerbrief 9, 19 b) - dann wäre hiermit zumindest die Allversöhnungsabsicht Gottes klar bezeugt, aber Gott will ja gewiß auch, daß wir Menschen seine 10 Gebote einhalten, und wo geschieht das schon? Also kann man nicht davon ausgehen, daß sich der Wille Gottes zumindest kurz- und mittelfristig immer durchsetzt. Man muß von zwei Arten des Willens Gottes sprechen, und davon geht auch Ouweneel aus. Das will aber nicht sagen, daß Gott seinen "wünschenden Willen" (Ouweneel 1993, S. 36) nicht ernst nehmen und nicht langfristig doch zum Ziele bringen könnte und würde. Aber auch darüber kann man sehr wohl geteilter Meinung sein. Ernst nehmen sollte man Gottes Willen, auch seinen "wünschenden Willen" allemal, das betrifft sowohl seine Gebote wie seinen Heilswillen.

Gott hat den Menschen zu seinem Bildnis oder Gleichnis geschaffen und ihm die dazu nötige Freiheit und damit einen eigenen Willen gegeben. Und nun ist die Frage, ob der geschöpfliche Wille auf Dauer Gottes wünschenden Willen widerstehen kann und will und ob Gott nach dem Ablauf des irdischen Lebens bzw. nach der Wiederkunft Jesu alle Geduld mit seinen Geschöpfen und damit auch seinen Retterwillen aufgegeben hat.

Die Willensfrage, die im Zusammenhang mit der Allversöhnung eine außerordentlich bedeutsame Rolle spielt, kann unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet werden. Die unterschiedlichen Arten des Willens Gottes waren schon erwähnt worden. Aber auch die Qualität des menschlichen Willens ist in diesem Zusammenhang einer eingehenden Analyse wert. Zunächst sind ja, von Adam und Eva einmal abgesehen, alle Menschen geborene Sünder. Insoweit ist auch ihr Wille in gewisser Weise verdorben und geschwächt. Aus dieser Sicht ist die Diskussion des Willens des wiedergeborenen Menschen, der ja ein wiedergeborenen Willen einschließt, besonders zu beachten. Und hier ist die Stelle im Hebräerbrief 6, 4 - 6 ("Denn unmöglich ist es, die einmal Erleuchteten, die Kostenden die himmlische Gabe und Teilhaber Gewordenen am heiligen Geist und Kostenden Gottes rechtes Wort und die Kräfte des zukünftigen Aions und dann doch Abgefallenen, wieder zu erneuern in Umkehr, erneut kreuzigend für sich den Sohn Gottes und an den Pranger stellend.") besonders bemerkenswert, die darauf anspielt, daß für den wiedergeborenen Christen, der die Kräfte der zukünftigen Welt geschmeckt hat und der dann doch wieder fällt, kein Opfer mehr da ist. Hier haben wir es mit einem Willen besonderer Qualität zu tun, auch mit einer Gotteserkenntnis, die weit über die Qualität der Gotteserkenntnis des nichtwiedergeborenen Sünders hinausgeht. Deshalb geht Rick Joyner ("Signale unserer Zeit, Projektion J Wiesbaden 1996, S. 36 - 37) davon aus, daß ein Rückfall eines solchen Menschen wegen der "Verdrehtheit des Willens" nicht reparabel sei, nicht weil das Opfer Jesu dafür nicht ausreichen würde, sondern weil ein solchen verdrehter Willen einfach nicht veränderbar ist. Der Fall eines solchen Christen, der die Kräfte der zukünftigen Welt geschmeckt hat, kommt nach Joyner dem satanischen Fall in seiner Qualität gleich, da der Joyner’sche und Riedingersche Luzifer (vgl. Riedinger o.J. S. 7 - 10, besonders S. 8) eine weitgehende Gotteserkenntnis hatte und das höchste und weiseste Geschöpf nach der göttlichen Dreieinigkeit war, ein Cherub, der nach Riedinger seinen eigenen Hofstaat mit eigenen Cheruben hatte, der mit ihm zusammen gegen die göttliche Dreieinigkeit rebellierte.

So schreibt Joyner S. 36: "Die ‘Kräfte der zukünftigen Welt’ sind mehr als die Gaben der Heilung und Wunder, die wir jetzt schon regelmäßig in der Gemeinde erleben. Wem viel gegeben ist, von dem wird noch mehr verlangt werden. Wem dieses Maß an Vollmacht anvertraut wird, der überschreitet geistlich eine Grenze, jenseits der ein Rückfall nicht nur schmerzhaft, sondern eine Katastrophe ist. Wer von einer so hohen geistlichen Position fallen kann, den muß eine vergleichbare Verderbtheit leiten, wie sie auch Satan kennzeichnete. Satan wohnte direkt im Thronsaal Gottes, er war der Cherub, der Gott bedeckte, dem die ganze Herrlichkeit Gottes vertraut war, und doch konnte er sich gegen Gott stellen. (37) Wer ein so hohes Maß an Herrlichkeit gesehen hat und dann doch von Gott abfällt, der kann nicht mehr ‘zur Umkehr geführt werden’. Wer in so große Machtbereiche von Kraft und Herrlichkeit hineinsehen durfte, ohne daß sein Herz in der Tiefe verändert wurde, der ist hoffnungslos verdorben. Nun fragen wir uns natürlich, warum Gott so einer Person erlaubt, solche gewaltigen Erfahrungen zu machen? Gott tut dies aus demselben Grund, warum er auch Judas berufen und zu einem seiner engsten Vertrauten gemacht hat. Der Herr wußte von Anfang an, daß Judas ihn verraten würde. Er wußte auch, daß er ein Dieb war, und trotzdem vertraute er ihm die gemeinsame Kasse an. Jesus wollte Judas damit nicht noch mehr verdammen, sondern er ging so weit wie irgend möglich, um ihm Gelegenheit zur Umkehr zu geben.

Die Versöhnungstat Jesu reicht aus, um jede Sünde hinwegzunehmen, aber wir müssen seine Gnade annehmen, um Vergebung zu empfangen. Wenn jemand die Schwelle überschritten hat und nicht mehr zur Umkehr geführt werden kann, dann liegt das nicht daran, daß die Kraft des Leidens Jesu in diesem Fall nicht ausreichen würde, sondern der Wille eines solchen Menschen ist so verdreht, daß er die Gnade, die ihn verändern würde, nicht mehr annehmen kann." Allerdings fällt einem hier die Frage ein, die Jahwe schon Abraham (Genesis 18, 14) gestellt hat: "Sollte denn für Jahwe etwas zu schwierig (wunderbar) sein?"

Nun ist die Bibel nicht für Cherube, sondern für Menschen geschrieben. Wir wollen hier das Problem des gefallenen Cherubs nicht näher erörtern, obwohl dieser insoweit mit den Menschen zusammenhängt, als der Mensch von ihm zur Sünde verführt wurde und so seine ursprüngliche Stellung verlor und dem gefallenen Cherub untertan wurde, obwohl er ihn doch durch seinen Gehorsam zu Gott hätte besiegen sollen. Aber in Sachen Judas verwickelt sich Joyner m.E. in einen Widerspruch. Wenn Jesus tatsächlich von Anfang an wußte, daß Judas ihn verraten würde, dann hat er dieses Wissen zumindest nicht ernst genommen, wenn er ihn berief, um ihm so weit als irgend möglich Gelegenheit zur Umkehr zu geben. Und wenn Gott, der Allwissende, wußte, daß Luzifer, der "schirmender, gesalbter Cherub" (Campbell 1996, S. 7) war, von ihm abfallen würde, warum erschuf er ihn dann, wenn er den Fall nicht wünschte? Hier stehen wir vor der Frage des positiven Sinn des Falls, der m.E. darin besteht, daß nur durch den Fall Sünde und damit Leiden möglich wurde und das Leiden eine besondere Verwandlungskraft hat, da selbst der Sohn Gottes gemäß Hebräer 5, 8 - 9 "lernte, wiewohl er Sohn war, von dem, was er litt, den Gehorsam, und vollendet, wurde er allen ihn Gehorchenden Grund ewiger Rettung." Das Geheimnis der Zulassung des Falls besteht in der besonderen Vollendung, die sowohl für den Sohn Gottes wie für die Menschen durch Leiden und nur durch Leiden möglich ist. Der Preis dafür ist andererseits das äonische Feuer für die, die sich nach dem Fall der Erlösung durch den Sohn Gottes nicht anvertrauen wollen. Ob diese äonischen Strafen tatsächlich endlos sein müssen, ist eine der schwierigsten Fragen, die letztlich theologisch nicht zu klären ist. Die Endlosigkeit wird in der Johannesoffenbarung, und das sollte Beachtung finden, nur in Offb. 20, 10 für den Teufel, das Tier und den Lügenpropheten sowie Offenbarung 14, 11 für "die Huldigenden dem Tier und seinem Bild, und wenn einer empfängt das Prägezeichen seines Namens" eindeutig ausgesagt, so weit der Ausdruck "und sie werden gequält werden tags und nachts in die Aionen der Aionen" auf Endlosigkeit gedeutet werden kann. Offb. 20, 15 und Offb. 21, 8, die sich auf Menschen beziehen, sagen zwar aus, daß diese in den Feuersee geworfen werden, bezeichnenderweise wird hier aber nicht wie Offb. 20, 10 hinzugesetzt "in die Aionen der Aionen". Ob für diese Menschen die Qual also endlos dauert, ist damit keineswegs eindeutig ausgesagt, aber auch nicht ausgeschlossen.

Die Allversöhnungsfrage hängt also mit grundsätzlichen Fragen der Bibelinterpretation, mit der Art des göttlichen Willens und mit der göttlichen Geduld zusammen.

Die Fragen nach dem Wesen Gottes stellen sich jedoch in der Allversöhnungsfrage grundsätzlicher, als es die bisherigen Erörterungen andeuten. Wenn Gott Liebe ist (1 Joh. 4, 8), wie kann er dann einer unendliche langen Qual seiner Geschöpfe im Feuersee zustimmen, ohne damit einen erzieherischen Sinn zu verbinden? Wenn Gott wußte, daß nur ein kleiner Teil der Menschen gerettet werden könne, warum hat er dann so viele geschaffen, die für immer auf unausdenkliche Weise im Feuersee gequält werden müssen? Wenn Gott vermöge Seiner Allwissenheit von vornherein wußte, daß seine Geschöpfe fallen, ihn damit "unendlich beleidigen" und nur ein kleiner Teil sich bekehren würde, warum hat er dann nicht Maßnahmen getroffen, den Fall wieder rückgängig zu machen? Eine unendliche lange, ausweglose, für die betroffenen Geschöpfe sinnlose Qual, die nur der Rache und der Genugtuung des unendlich beleidigten Gottes dient, kommt weder mit Gottes Liebe noch mit dessen Barmherzigkeit überein - wohl aber eine zeitlich befristete, gezielte Bestrafung zur Erziehung und Zurechtbringung.

Und wenn der "Rauch ihrer Qual" (Offb. 14, 11 a) in alle Ewigkeit aufsteigt und nie Frieden wird, was haben wir dann davon zu halten, daß Gott sein wird alles und in allem? (1. Kor. 15, 28 c). Ouweneel (1993, S. 60 f.) geht offenbar davon aus, daß der Sünder auch noch im Feuersee immer weiter sündigen wolle und werde und die fortgesetzte Sünde fortgesetzte Bestrafung erforderlich mache. Auf diese Weise würde die Sünde nie aus der Welt geschafft und auch die Strafe hätte dann ihren ewigen Sinn. Solche fortgesetzte Sünde müßte eigentlich wegen des permanenten Rückfalls eine ständige Strafverschärfung nach sich ziehen, wovon allerdings nirgendwo die Rede ist. Welchen Sinn hat dann die Stelle im Johannesevangelium, in der Jesus als der bezeichnet wird, der die Sünden der Welt hinwegträgt? Wohin trägt er sie? Andererseits werde Gott insoweit durch diese Sünder im Gericht verherrlicht werden, daß sie gezwungenermaßen und also unfreiwillig bei Fortsetzung ihrer Sünde gleichwohl gemäß Phil. 2, 10 f. und Offb. 5, 13 Gott Huldigung bringen und ihm Lob singen müßten. Wie das fortgesetzte Sündigen mit dem fortgesetzten Gotteslob zusammenkommen soll, ist allerdings eine Aporie, die, wie Ouweneel (1993, S. 61) gerne zugesteht "unser Verständnis übersteigt." Die Stellen Phil. 2, 10 f. und Offb. 5, 13 sind allerdings auch von den Allversöhnern nicht selten benutzt worden, da sie sich nicht so recht vorstellen konnten, daß Gott solches erzwungene Lob wolle oder gar erfreuen könne. Dagegen spricht nun allerdings, daß mit den "Unterirdischen" traditionell doch wohl die in den Straforten (diese könnten aber sehr wohl vorläufige Straforte etwa im Sinne des katholischen Fegefeuers vor dem "jüngsten Gericht" sein, dann würden die entsprechenden Stellen verständlicher) etwa im Inneren der Erde befindlichen gemeint sein könnten. Diese Stellen beziehen sich offenbar auf einen Zeitpunkt vor dem "jüngsten Gericht". Offb. 5, 13 bezieht sich, wie man dem 6. Kapitel der Offb. unschwer entnehmen kann, ziemlich eindeutig auf eine Zeit, da die alte Erde noch steht und schweren Gerichten nach Öffnung der sieben Siegel durch das geschlachtete Lamm entgegengeht. Phil. 2, 10 f. ist zeitlich schwer zu fixieren. Daß aus dem äonischen Feuersee bzw. dem zweiten Tod wirklich das Lob Gottes erschallt, ist nirgendwo der Heiligen Schrift zu entnehmen. Vielmehr wird in Offb. 14, 11 ausgesagt, daß "der Rauch ihrer Qual steigt in die Aionen der Aionen auf, und nicht haben Ruhe tags und nachts die Huldigenden dem Tier und seinem Bild, und wenn einer empfängt das Prägezeichen seines Namens." Von einer Huldigung Gottes oder gar Gotteslob aus dem zweiten Tod heraus ist also zumindest in den Stellen, die eindeutig vom Feuersee als zweiten Tod und letzten äonischen Gerichtsort sprechen, nirgendwo die Rede! Vielmehr ist zu überlegen, was mit "dem Rauch ihrer Qual" gemeint ist. Räucherwerk kommt in der Offb. mehrfach im Sinne der "Gebete der Heiligen" vor. Ob es sich beim "Rauch ihrer Qual" um etwas irgendwie Vergleichbares handelt, ist damit nicht gesagt, da der Feuersee ja als brennend gedacht ist und dem Brennen durchaus Rauch entsprechen kann. Ob der "Rauch ihrer Qual" gar Gotteslob oder etwa das Gegenteil bedeutet, ist nicht ohne weiteres auszumachen.

Der Schlüssel zum Problem der Wiederbringung aller Dinge liegt aber in der Frage, wie weit die Gottebenbildlichkeit der Geschöpfe und wie weit die Barmherzigkeit Gottes geht, denn davon hängt es ab, ob die Geschöpfe die Kraft und den Willen haben, Gott ewig zu widerstehen und ob sie ggf. trotz Aufgabe dieses Widerstandes für immer unter der Strafe bleiben. Wenn Gott die gottähnlichen Geschöpfe so geschaffen hat, daß sie ihm ewig widerstehen können und wollen (indem sie von Gott mit der diesem eigenen Hartnäckigkeit und dem nötigen langen Atem ausgestattet wurden!), dann können sie das. Die Allversöhnungsfrage führt uns also, genauer betrachtet, in die fundamentalsten Fragen nach dem Wesen der Gottheit selbst und nach dem Wesen der Ebenbildlichkeit sowie nach dem Wesen Gottes im Sinne von Liebe, Barmherzigkeit, Weisheit. Es handelt sich keineswegs um triviale Fragen, die allein mit der sorgfältigen Interpretation der einschlägigen Schriftstellen angegangen werden könnten.

Zum Vorwort

Fangen wir jedoch mit dem Anfang an, also mit dem Vorwort des Übersetzers Uwe Stötzel zu W.J. Ouweneels "Ende gut - alle(s) gut?" Stötzel stellt seinen einführenden Worten ein Leitwort aus Joh. 3, 16 voran: "Denn also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe." Zunächst wird der von Johannes angesprochene Weltbegriff (Kosmos) insoweit akzentuiert, als Stötzel heraushebt, unter Kosmos müsse "man natürlich in erster Linie die Menschen verstehen.", was die Stelle an sich selbst nun aber nicht sagt, aber sie schließt diese Interpretation auch nicht aus. Dennoch handelt es sich um eine Einschränkung, die ggf. ausschließen soll, daß sich eines fernen Tages vielleicht auch gefallene Engel wieder an den Sohn Gottes glauben und auf diese Weise äonisches Leben erlangen können. Es ist typisch für die Schriftinterpretation Ouweneels und anderer Brüder, die in der Tradition von John Nelson Darby (1800 - 1882, vgl. auch Jordy 1989, Remmers 1990) stehen, daß Schriftworte, als sei dies "natürlich", immer wieder eingeschränkt werden, so daß das Heil aus dieser Sicht dann in der Tat nur sehr, sehr wenigen zuteil wird. Zwar hat Jesus Matth. 5, 13 - 14 ("wenige sind die ihn Findenden") diese Auffassung durchaus auch vertreten, andererseits wird mehrfach gesagt, daß Jesus sich für "die Vielen" (manchmal auch im Sinne von allen gebraucht) geopfert habe. Es ist sicher für eine erste Besinnung nützlich, jede Schriftstelle stehenzulassen und sie das sagen zu lassen, was sie sagen will und nicht "natürlich" irgendwelche willkürlichen und aus dem unmittelbaren Kontext nicht ermittelbare Voraussetzungen und Interpretamente einzutragen.

Stötzel betont sodann, welch Herablassung es sei, daß der "große, ewige Gott" seinen eingeborenen Sohn gab, um die Welt vor dem Verderben zu erretten. Diese in der Tat nahezu unbegreifliche Liebe und Großzügigkeit Gottes, die wir in keiner Weise verdient haben, das sollte hier durchaus betont werden, hat sich im Sohn geopfert für seine Feinde, zumindest, wofern sie nicht dauerhaft Feinde bleiben.

 

Literaturverzeichnis:

1. R.K. Campbell: Satan - Die Taktik des Feindes" CSV Hückeswagen 1996

2. Heinz Flügel: "Zwischen Gott und Gottlosigkeit", Evangelisches Verlagswerk Stuttgart 1957

3. Adolf Heller: Vom geheimen und geoffenbarten Willen Gottes, Paulus Verlag Stuttgart, 2. Auflage ohne Jahr

4. Gerhard Jordy: Die Brüderbewegung in Deutschland. Band 1. Das 19. Jahrhundert: Englische Ursprünge und Entwicklung in Deutschland. R. Brockhaus Verlag Wuppertal, 2. Auflage 1989

5. Rick Joyner: "Signale unserer Zeit" Aktuelle Trends und kommende Entwicklungen aus prophetischer Sicht. Projektion J Buch- und Musikverlag Wiesbaden 1996

6. Adolph E. Knoch: Das Böse. Ursprung, Zweck und Ziel im Vorsatz Gottes. Konkordanter Verlag Pforzheim, 4. überarbeitete Auflage

7. Werner van Laak: Allversöhnung. Die Lehre von der Apokatastasis. Ihre Grundlegung durch Origenes und ihre Bewertung in der gegenwärtigen Theologie bei Karl Barth und Hans Urs von Balthasar, Sankt Meinrad Verlag für Theologie, Christine Maria Esser, Sinzig 1990

8. Erich Liebmann: "Unergründliche Geheimnisse des Seins", Philadelphia-Verlag Leonberg 1961

9. Willem J. Ouweneels "Ende gut - alles gut? Gibt es eine Allversöhnung?" CLV Christliche Literaturverbreitung e.V. Postfach 110135, 33661 Bielefeld, 1993

10. Paul Petry: Allaussöhnung, Tod und letzte Dinge, Konkordanter Verlag Pforzheim, 3. Auflage 1986

11. Hartmut Rosenau: Allversöhnung. Ein transzendentaltheolgischer Versuch. Walter de Gruyter. Berlin. New York 1993. Theologische Bibliothek Töpelmann. 57. Band

12. Arend Remmers: Gedenket eurer Führer. Lebensbilder treuer Männer Gottes. CSV Hückeswagen, 1990

13. Paul Riedinger: Der Weg der Liebe Gottes im Göttlichen Heilsplan. Dargestellt für die Gemeinde Jesu Christi. Manuskriptdruck Oekumenischer Verlag Dr. R. F. Edel ohne Jahr

14. Heinz Schumacher: Versöhnung des Alls - Gottes Wille. Das biblische Zeugnis vom Heil für alle und vom ewigen Gericht. Paulus Verlag Karl Geyer Heilbronn 21992